Das Land in dem dich jeder zum Essen einlädt – Meine Erlebnisse in der Türkei

Da gerade das muslimische Opferfest „Bayram“ in der Türkei stattfindet und alles etwas ruhiger ist, ist es Zeit, Danke zu sagen. Danke für die ganzen Erlebnisse, die ich in der Türkei bisher machen durfte. Danke für die unglaubliche Gastfreundschaft der Türken. Danke für die erfrischende Kommunikationsfreudigkeit. 

Und Danke für die eindrucksvolle Widerlegung (rassistischer) Vorurteile über Türken, die in Deutschland vorherrschen. Was habe ich mir für Warnungen anhören müssen von Freunden und Bekannten, als ich erzählt habe, dass ich in das Land am Bosporus fahren würde. Diese kamen meistens von Leuten, die nie dort waren oder höchstens mal in einem Resort rumgeschimmelt haben.

Dazu fällt mir nur ein Zitat von Alexander von Humboldt ein:

Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben. 

Gewiss, die Türkei hat ihre (bekannten) Probleme, welchen ich jedoch nie begegnet bin. Ich erlebe Izmir als eine weltoffene Stadt, in der Frauen statt Burka und Hijab bauchfrei tragen. In der jede Nacht mit Alkohol gefeiert wird und sich Menschen ganz normal über Politik unterhalten. 

Ich möchte dich mit diesem Artikel mitnehmen zu den tollen Erlebnissen, die ich bisher hier gemacht habe.

Alles fing mit einem großen Problem an. Ich hatte lange im Voraus mein Airbnb gebucht, jedoch bis kurz vor Abflug nichts vom Host gehört. Nach mehrmaligem Kontaktieren, bekam ich schließlich eine Antwort, als ich gerade am Check-In-Schalter in Frankfurt war. Die Wohnung sei schon vermietet und ich solle ihm nie wieder schreiben, so der Host. Was für ein Spast, dachte ich kurz.

Doch aufregen hilft ja bekanntlich nie. Also schnell umdisponieren. Auf Hostelworld schnell ein Hostel gebucht und ab in den Flieger. Am Flughafen in Izmir kein Wi-Fi, Geldautomaten funktionieren auch nicht. Glücklicherweise habe ich in weiser Voraussicht 50 € mitgenommen und ich konnte mich von einem Taxifahrer zum Hostel fahren lassen. Der Taxifahrer fand das Hostel nicht.

Scheiße dachte ich, jetzt ist das auch ein Reinfall. Als wir es schließlich gefunden hatten, wurde es auch nicht besser, denn die Klingel funktionierte nicht. Nach einem beherzten Klopfen eröffnete sich mir ein hübsches Hostel mit einem Garten, der mir perfekte Bedingungen für das Arbeiten am MacBook bot. 

Barber-Izmir
Halid am Schnippeln

Noch am selben Abend ging ich zum örtlichen Barbier. Dies war der Beginn einer Freundschaft, die von sehr viel Hilfsbereitschaft geprägt ist. Halid ist Syrer und seit 6 Jahren in der Türkei. Bei ihm bekam ich die beste Rasur und den besten Haarschnitt aller Zeiten. Und das zu einem Bruchteil des Preises in Deutschland. Viele Besuche sollten folgen. Denn es gibt ja immer mal wieder etwas zu tun, sei es Bart rasieren, die Konturen nachschneiden oder Gesichtsmaske.

Bald hatte er mich im gesamten Viertel bekannt gemacht und es vergeht kein Spaziergang durch das arabisch geprägte Viertel, ohne dass ich jemanden treffe, der meinen Namen kennt. Die türkische Gastfreundschaft zeigt sich in ehrlichem Interesse an meiner Person und der unendlichen Großzügigkeit. Denn bereits an meinem zweiten Tag traf ich Deutsch-Türken in einem von Halid empfohlenen Restaurant. Die Speisen gingen natürlich auf ihren Nacken.

Kuchen-Izmir

Nachdem ich ständig von allen möglichen herzlichen Menschen zum Essen eingeladen wurde, habe ich mich revanchiert und sie zum Essen in meinem syrischen Stammlokal eingeladen. Wenn du in der Türkei Essen gehst, bestellst du in der Regel eine Anfangsspeise und dem Wirt ist es eine Freude, alle möglichen Dinge dazuzustellen und damit nicht aufzuhören. Dabei ist es einem finanziell egal, denn am Ende betrug die Rechnung für 6 Personen ganze 13 €. Dazu noch die ehrliche Begeisterung des Wirtes – unbezahlbar!

Kebap-Izmir
Freundschaft mit dem Kebap-Mann schließen

Wenn du planst abzunehmen oder dich gesund zu ernähren, dann gehe nicht in die Türkei. Überall, ja fast schon 24/7 bekommst du Baklava, Kebap (nein du bekommst keinen Döner) oder Pasta (so nennt man hier Kuchen). 

Meine täglichen Besuche in Halids Barbershop sind meistens geprägt vom allgegenwärtigen Çay-Tee trinken und Entspannung.  Die hat Halid auch bitter nötig, denn er arbeitet 6 Tage in der Woche von 9 bis 23 Uhr, teilweise sogar bis 2 Uhr. Wie selbstverständlich kommen alle möglichen Menschen in den Laden, waschen dort Tassen, zapfen Wasser oder setzen sich zum Reden rein.

Nach einem für mich arbeitsreichen Tag am MacBook im Hostelgarten geht es des Öfteren mit den anderen Hostelgästen in eine Meyhane mit der U-Bahn. Du hast noch keine Fahrkarte und Abends werden diese nicht mehr verkauft? Du wirst immer einen netten Türken finden, der dir die Fahrt spendiert und absolut jede Gegenleistung ablehnt.

In einer Meyhane werden Raki, Meze (türkische Vorspeisen) und Gesang kredenzt. 22 Uhr Nachtruhe? Nicht mit den Türken, die fangen dann erst an. Und alles findet natürlich draußen statt. Nach der ausgiebigen Zelebration noch ein kleines Bierchen am Meer. Nach 22 Uhr darf kein Alkohol mehr verkauft werden, aber auch hier gibt es immer einen Dealer des Vertrauens. Auf der Wiese am Meer werde ich meistens von Menschengruppen belagert, die sich für Almanya begeistern und mich neugierig ausfragen.

Auch Kültür hat Izmir zu bieten, so befindet sich das antike Ephesos eine Stunde Autofahrt von Izmir entfernt. Nach der ausgiebigen Erkundung stehen ich und Semih, mit dem ich gerade Freundschaft geschlossen habe, vor der Frage, wie wir zum Bahnhof kommen. Alle Busse sind schon abgefahren, also laufen wir los und versuchen es per Anhalter. Bereits das dritte Auto hält an und nimmt uns mit. Haki und Beren wohnen zufälligerweise in Izmir und lassen es sich nicht nehmen, mich bis vor die Haustür des Hostels zu fahren. Auch wenn sie sich ein paar mal verfahren und ich ihnen anbiete, auszusteigen, um mit der U-Bahn weiterzufahren.

So lebe ich tagein, tagaus im arabischen Viertel und habe immer jemanden mit dem ich mich unterhalten oder einen Tee trinken kann. Mal gehe ich mit der „Hostel-Mutti“ Ilayda Fahrradfahren (Ausleihe kostet nur ein paar Cent) und lande plötzlich zum halben Preis in einem Konzert des berühmten türkischen Sängers Cem Adrian.

Ein anderes Mal taucht ein verrückter Deutscher im Hostel auf und wir entscheiden, mal auf einen Campingplatz am Strand von Foça zu fahren. Gesagt, getan. Der Taxifahrer ist bester Laune und ruft seine deutsch-türkischen Freunde an, die uns ihre Lederwaren verkaufen wollen. Am Strand angekommen, springen wir von den Klippen, abends wird natürlich wieder ausgiebigst gespeist und nachts baut uns der Wirt seine Liegen zurecht, um unter freiem Himmel zu schlafen.

Wenn du also Freunde und Gesellschaft gebrauchen kannst, weniger Geld als in Südostasien ausgeben willst und dabei fett werden möchtest, dann lass dir gesagt sein: Geh auf jeden Fall in die Türkei!

Und wenn du preiswert (14 €) ein geiles Fotoshooting haben möchtest, geh zu Faruk!

Nicht zu vergessen, Haare und Bart gibt es nirgendwo besser als bei Halid. Er nimmt sich eine volle Stunde Zeit, bis alles perfekt ist!

Sonnige Grüße

Dein Constantin

P.S. Den Alman-Quatsch a la „Ich habe dir beim letzten Essen 3,48 € geliehen“ lässt du besser mal zuhause!

  • Wirklich ein schöner lebhafter Bericht!
    Du machst einiges Richtig. Was man bekommt, strahlt man irgendwie auch aus.
    Mach weiterso und lass mehr Berichte von dir hören.

    PS: Als ich letztes Jahr in Neuseeland war, wurde ich auch von vielen Sachen gesegnet. Ich wollte es und bekam es (coolen Job, coole Wohnung im 14. Stock mit Blick auf Yachthafen und Rangitoto Island, coolen Lifestyle, viel Flat White und Happy Hour Biere, Freunde, meine Freundin bis heute, die ich im Sep. in Kolumbien besuche.
    Was man will und ausstrahlt, wird man (wenn man dabei bleibt) bekommen.

    • Danke dir lieber Christoph! Ich finde auch eine gewisse Ungewissheit und sich treiben lassen, führt meistens zu erstaunlichen Fügungen.

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